8. Oktober 2016 von Reiner Ugele

360° Panorama Aufnahmen – aller Anfang ist schwer [Kolumne] Titelbild

360° Panorama Aufnahmen – aller Anfang ist schwer [Kolumne]

Panorama-Aufnahmen zu erstellen gehört schon lange zu meinem persönlichen fotografischen Portfolio. Der Grund ist eigentlich recht simpel: Mit solchen Aufnahmen bekommt man salopp gesagt einfach „mehr“ auf das Bild. Zudem gibt es keine Beschränkung durch die Brennweite des Objektivs. Zur Zeit sind 360°-Panorama-Aufnahmen wieder in aller Munde. Dies ist unter anderem der Möglichkeit zu verdanken, dass nun 360°-Videos aufgenommen werden können und natürlich der allgemeine Hype um Virtual Reality (VR). Das Smartphone bietet zudem die Möglichkeit an, eine 360°-Panorama-Aufnahme in Sekundenschnelle zu erstellen, ohne einen großen technischen Aufwand betreiben zu müssen. Mein persönliches Interesse, solche Aufnahmen zu erstellen, wurde schon seit dem Beginn meiner Panorama-Fotografie geweckt. Natürlich dachte ich erst blauäugig, dass es doch nicht so schwer sein kann, solche Aufnahmen zu erstellen. Denn bisher hatten meine Panorama-Aufnahmen auch immer recht gut geklappt. Doch die Realität lehrte mich etwas anderes.

Leichte Panorama-Kost für den Anfang

Die ersten Aufnahmen wurden mittels Stativ, Panorama-Kopf und einer Festbrennweite gemacht. Natürlich hatte ich mich schon etwas informiert, was alles beachtet werden sollte. Für einen größeren Blickwinkel müssen mehrere Aufnahmen gemacht werden und am besten im Hochformat aufnehmen. So vermeidet man Verzerrungen in den Bilder, wenn man sie später am PC zusammenfügen lässt. Natürlich sollte man nach den Aufnahmen noch kontrollieren ob alles auch passt oder es irgendwelche Fehler zu finden gibt. Daheim werden die Bilder mittels einer Bildbearbeitungssoftware, in diesem speziellen Fall mit einer sogenannten Stiching-Software, sozusagen „zusammengenäht“. Das Wort „Stitching“ kommt aus dem englischen und heißt übersetzt zusammennähen. Genau dies wird dann mittels dieser Software gemacht, also die aufgenommen Einzelbilder zu einem Bild zusammengenäht.

Photoshop insignis

Wer Photoshop besitzt, der kann dafür die „Merge“-Funktion verwenden. Das neue Photoshop CC ist in dem Bereich einfach unschlagbar. Natürlich war ich auch schon von der CS6-Version überzeugt. Wenn es um die Übergänge geht, erkennt dieses Programm am besten, wie die Bilder bestmöglich überblendet werden müssen. Das Resultat kann sich auch sehen lassen, denn man erhält keine störende Übergänge. Geometrische Verzerrungen lassen sich ohne Probleme etwas mit dem „Frei Transformieren“ und Verformen-Dialog ausbügeln. Es sei denn, es gibt zu starke geometrische Verzerrung in den Aufnahmen bzw. im Gesamtbild. Subjektiv betrachtet ist Photoshop in der Disziplin einfach unschlagbar.

Einfache Panoramen sind mit ein bisschen Übung und Photoshop wirklich kein Problem. Selbst Freihandaufnahmen können funktionieren. Wichtig ist nur, das man eine waagerechte Aufnahme erzeugt. Für ein einfaches zylindrisches Panorama funktioniert das doch recht gut, bis zu einen gewissen Punkt. Ein Stativ erleichtert die Situation aber deutlich, auch wenn dies bedeutet, mehr an Gewicht mit sich herumtragen zu müssen. Auch wenn der Rücken einem dies nicht danken wird, so sollte man doch daran gewöhnen, öfter mal eines mitzunehmen.

Achja, bevor ich noch weiter über Rückenleiden, ausgelöst durch schwere Ausrüstung, schreibe, komme ich lieber wieder zum eigentlichen Thema zurück. Bei 360°-Aufnahmen ist ein Stativ eigentlich Pflicht. Das war mir schon bei meinen ersten Versuchen bewusst, da ich zuvor ohne Stativ Panoramen aufgenommen habe. Der Unterschied ist schon recht deutlich, wenn ich das mit meinen alten Aufnahmen vergleiche.Wie heißt es so schön? „Übung macht den Meister“. Leider stimmt das auch und man lernt nie aus. Entweder gibt es immer wieder Flüchtigkeitsfehler, die auf die Schnelle gemacht werden oder es sind die einfachsten Dinge, die während einer Aufnahme vergessen werden. Es sind eben Dinge, die beim Fotografieren irgendwie selten oder nie gebraucht werden. Denn manchmal funktioniert es eben halt auch, wenn man nur den Auslöser drückt. Frei nach dem Motto: Der Laie staunt, der Experte wundert sich. Nun ja, kommen wir wieder zurück zum eigentlichen Thema dieser Kolumne.

Neuland?

Meine ersten Schritte mit 360°-Panoramen-Aufnahmen waren doch sehr ernüchternd.  Zu denken, wer Panoramen-Aufnahmen erstellen kann, dann klappt das auch ohne Probleme mit 360° Bildern, der wird sehr schnell auf den Boden der Realität zurückgeholt. Meine ersten Versuche sahen folgendermaßen aus: Mittels Panorama-Kopf hab ich die Kamera einmal rundum gedreht . Das Ergebnis war dann doch mehr als ernüchternd und es kam nicht wirklich etwas tolles dabei heraus. Es hat mich doch sehr viel Mühe in Photoshop gekostet, eine brauchbare Aufnahme heraus zu bekommen. Das Ende vom Lied war dann, dass ich das Bild so zurecht geschnitten habe, dass ich ein normales zylindrisches Panorama bekam mit einem erweiterten Blickwinkel. Folglich gab es ein paar Aufnahmen mehr, für das ewige Datengrab.

In der Fotografie darf man sich nie unterkriegen lassen. Wichtiger ist, entweder weiter probieren oder sich doch lieber vorher informieren. Also befrage ich die allwissende Suchmaschine Google nach 360°-Panorama-Aufnahmen. Natürlich gab und gibt es unzählige Beiträge zu diesem Thema. Nach einigen durchforsteten Seite erfuhr ich dann etwas über den Nodalpunkt und dass dafür eine spezielle Halterung von Nöten wäre, um diesen dann einstellen zu können. Ein Blick auf einen der führenden Hersteller von diesen Nodalpunktadaptern lies meinen Mund vor Schrecken dann etwas länger offen bleiben. Wenn der Preis für so eine Halterung bei einem guten Mittelmaß-Objektiv liegt, überlegt man sich es doch zweimal, ob man solche Aufnahmen noch machen möchte.

Smartphone-Applikationen an die 360°-Panorama-Macht!

Mittlerweile gibt es auch die ersten 360°-Applikationen mit denen man mit dem Smartphone solche Aufnahmen erstellen kann. Mag sein, dass dies eine schnelle Lösung ist aber auch eine qualitativ hochwertige? Sicherlich mag es schnell und praktisch für unterwegs sein. Vom Gewicht her ist das Smartphone doch rückenschonender als wenn die gesamte Ausrüstung mit dabei ist. Der Leidensweg mag noch so lang sein, aber mit einer DSLR und einem hochwertigen Objektiv erhält man trotz allem die besseren Aufnahmen. Daher hakte ich erst mal das Smartphone ab und bleib meiner DSLR-Kamera treu. Es ist trotzdem toll, dass solche Aufnahmen mit einem Smartphone gemacht werden können. In ein paar Jahren dürfte sich auch dieser Bereich noch weiter entwickelt haben. Mal sehen, was sich da noch alles ergeben wird.

Noch mehr Ausrüstung…

Also die Smartphone-App schied dann doch auch aus und so suchte ich weiter nach einer günstigeren Alternative. Die Recherche brachte einiges zu Tage, aber auch viel unverständliches. Der Begriff  Nova Flex fiel, womit ich erst gar nichts anfangen konnte oder L-Adapter. Arca Swiss ist ein entwickeltes System für die  Kamera- bzw. Stativhalterungen mit einem speziellen Befestigungsverfahren. Wer weiß, wie eine Makroschiene ausschaut, dem dürfte diese „Schwalbenschwanz“-Bauweise bekannt vorkommen. Für mich war das anfangs doch sehr stark verwirrend, denn ich wusste jetzt nicht, ob das alles zu meiner Ausrüstung passt.

Eines Abends fiel mir dann beim Stöbern in einem großen Online-Versandhaus ein Gerät auf. Klar war dies China-Ware, aber dafür recht günstig. Die Kunden-Rezensionen waren durchwachsen; von gut bis schlecht gab es alles. Trotzdem wagte ich den Schritt, denn für den Preis machte ich jetzt nicht all zu viel kaputt. Zudem passte es auf mein System bzw. zu meiner Kamera. Die Freude war groß, da ich nun wieder etwas mehr zum herumtragen hatte. Als das Teil bei mir daheim ankam, machte ich mich sofort auf den Weg, um ein 360°-Panorama auf dem Feld auszuprobieren. Daheim angekommen hatte ich dann wieder dasselbe Problem, wie es bei meinen ersten Aufnahmen schon der Fall war.

Auf der Suche nach dem heiligen Gra…Nodalpunkt

Die Aufnahmereihe war also unbrauchbar. Die Bilder konnten nicht zusammengefügt werden, ohne dass man eine halbe Achterbahnfahrt mit im Bild hatte. Auch die Übergänge wurden nicht sauber. Also hieß es wieder recherchieren, was ich diesmal falsch gemacht habe. Da fiel das schon zuvor bekannte Wort „Nodalpunkt“. Es wurde also Zeit, sich mal genauer mit diesem Punkt zu beschäftigen. Es wurde dabei doch etwas physikalisch und ich musste mich stark an meinen Grundkurs Physik in der Oberstufe zurück erinnern. Thema Optik… ok… es war dann doch zu lange her. Nach intensiven Einlesen war es dann doch nicht so schwer zu verstehen. Der Nodalpunkt ist der Eintrittspunkt des Lichtes in die Linse. Ok… verstanden. Das heißt, der Mittelpunkt vom Stativ muss mit dem Licht-Eintrittspunkt des Objektiv übereinstimmen.

Also war immer das Problem, dass der Nodalpunkt nicht einstellt war und es so Parallaxe-Fehlern in den Aufnahmen gab. Das bedeutet, wenn sich zwei gegenüberliegende Punkte, Linien, Flächen beim drehen der Kamera, voneinander wegbewegen. Normal ist es, wenn sich die beiden Punkte, Linien oder Flächen parallel mitbewegen ohne sich zu verschieben. Gerade bei Panorama-Aufnahmen ist diese Verschiebung besonders schlecht, weil sich so dann zu Fehlern beim Zusammenrechnen der einzelnen Bilder ergeben. Dies ergibt dann geometrische Verzerrungen, die man in der Aufnahme erhält. Sagte ich schon, dass sich das alles sehr kompliziert anhört? Nein, aber es wird noch besser: Denn man darf nicht nur den Nodalpunkt finden, also den senkrechten Punkt, sondern man muss auch noch vertikal die optische Mittelachse einstellen.

An dieser Stelle muss ich sagen, dass ich jetzt angefangen habe, mir das ganze aufzuschreiben. Manchmal ist es doch besser, da man sich nicht alles sofort merken kann. In einem Videotraining, das ich zusätzlich noch konsumiert habe, wurde das doch alles auch noch recht gut erklärt. Also befolgte ich alle Schritte und richtete den Nodalpunkt-Adapter mit meiner Kamera exakt aus. Man muss dies immer mit jedem Objektiv machen, da jedes Objektiv einen anderen Eintrittspunkt besitzt. In der Regel muss dies nur einmal gemacht werden. So sollten die Stellen markiert werden oder aufgeschrieben werden, wo dieser Punkt liegt.

Vor dem Nodalpunkt ist nach dem Nodalpunkt

Also habe ich an einem Objektiv den Nodalpunkt eingestellt, Stativ, Adapter, Weitwinkelobjektiv, Kabelauslöser eingepackt und bin wieder losgezogen. Weitwinkel auf 10 mm aufgezogen, drei Reihen fotografiert, Zenit und Nadir mit dazu aufgenommen. Daheim festgestellt, dass Photoshop dies wohl nicht mag. Also probierte ich noch die freie Stitching-Software Hugin, um zu schauen, was dieses für ein Resultat liefert. Eigentlich sollte ich es nicht erwähnen, aber es hat definitiv kein tolles Ergebnis geliefert. Das Panorama war schlechter als das, welches Photoshop mir geliefert hat. Es gab sehr viele geometrische Verzerrungen und einfach kein sauberes Ergebnis. Zudem ist Hugin nicht gerade die schnellste Software, auch wenn man sie kostenlos verwenden kann.

Da blieb mir nichts anderes übrig um wieder zu recherchieren, woran das liegen konnte. Die Adobe Photoshop Merge-Funktion kann wohl nur Aufnahmen bis 24 mm Brennweite gut verarbeiten. Das heißt also, wenn man bei APS-C Kameras den Crop-Faktor von 1,6 berechnet, dass man Aufnahmen mit minimal 15 mm aufnehmen kann. Also ging ich wieder los, diesmal an einen anderen Standort.

Erfahrung über Erfahrung…

Bei den Aufnahmen sollte sehr genau darauf geschaut werden, dass alles vor der Aufnahme kontrolliert wird. Manuell fokussieren, auf den manuellen Modus stellen und natürlich schauen, dass der Nodalpunkt eingestellt ist. Wichtig ist auch, dass die Aufnahme wirklich waagerecht ist bzw. das Stativ und der Kopf gut austariert sind. Denn beim Drehen der Kamera kann es passieren, dass sich das Ganze verstellt und ungerade wird. Aber dies kann noch während der Aufnahme manuell korrigiert werden. Da spreche ich aus leidvoller Erfahrung… Wer bei solchen Aufnahmen nicht akribisch arbeitet, der hat es später am Rechner umso schwerer. Nach ein paar Versuchen verlief das Ganze dann ohne Probleme.

Nachdem alle Aufnahmen in Kasten waren, ging es wieder heimwärts. Auf das Ergebnis war ich schon richtig gespannt. Nachdem ich alle Bilder auf meinen Rechner übertragen hatte, entwickelte ich alle auf einmal mit Camera RAW und passte die Bilder an. Als ich dann alle Bilder mit der Merge-Funktion in Photoshop geladen hatte, war die Spannung recht groß. Eigentlich konnte ich es nicht fassen, aber es kam diesmal doch ein sauberes „flaches“ Panorama-Bild heraus. Keine starken geometrische Verzerrungen, keine unsauberen Übergange. Wunderbar, es hat doch endlich mal geklappt. Die Bilder waren sogar noch besser als meinen alten Panorama-Aufnahmen!

Training ist alles!

Wie man 360°-Panorama-Bilder in Photoshop als sphärische Bilder bearbeitet, erkläre ich in dem folgenden Video-Tutorial.  Ein Panorama optimal als sphärisches zu bearbeiten, war ebenso ein K(r)ampf , denn ich fand keine Informationen dazu, wie man den Zenit und Nadir mit Photoshop einfügt und bearbeitet. Doch dann bin ich selber hinter die Lösung gekommen. Dies könnt ihr euch im folgenden Video-Tutorial anschauen:

Man könnte meinen, ich wäre mit meiner Kolumne am Ende. Doch gab es noch einen Kampf mit Google und Facebook, die sich geweigert haben mein 360°-Panorama darstellen zu wollen. Es hat ebenso viele Nerven gekostet um heraus zu finden, woran es lag. Ein Grund ist der, dass beide ein 2:1 Verhältnis im Panorama voraussetzen. Also änderte ich noch das Seitenverhältnis und zupfte entnervt das Panorama in die richtige Position. Bei Facebook war es aber noch etwas komplizierter, da dieses nur mit zwei bestimmten Einträgen in den Exif-Daten das Bild als sphärisches Panorama darstellte.

Nach all dem hat Google Streetview das 360°-Panorama akzeptiert und Facebook schlussendlich dann auch. Nach unzähligen Stunden kann ich endlich sagen: Mission accomplished!

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